Beruf ohne Berufung: Arbeit muss keinen Spaß machen

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„Ist Dein Beruf auch Berufung?“ – Vielleicht kommt Dir diese Frage bekannt vor. Vielleicht kennst Du aber auch eine der zahlreichen Abwandlungen und Variationen wie „Dein Beruf muss Dir Spaß machen“ oder „Ein Beruf ohne Sinn kann Dich nicht befriedigen“. – Diese Fragen und Sätze haben eines gemeinsam: Sie stellen im Grunde die Frage nach dem Sinn Deines Berufs und Deiner Arbeit. Heute ist es fast schon gesellschaftlicher Konsens, dass Dein Beruf Dir auch Erfüllung bieten sollten. Immerhin zeigen Studien, dass Young Professionals verstärkt nach dem Sinn ihrer Arbeit fragen.

Da gibt es meiner Erfahrung nach jedoch ein Problem: Das ist reine Theorie. Die Praxis sieht anders aus, viele Menschen gehen einer Arbeit nach, die sie alles andere als erfüllt. Das klingt deprimierend, muss es jedoch nicht sein. Ich behaupte:


Dein Beruf und Deine Arbeit müssen Dich nicht befriedigen und Dir keinen Spaß machen – wenn Du weißt, was sie Dir wert sind und welche Rolle sie in Deinem Leben spielen.

Beruf und Arbeit: Zwei Facetten eines Themas

Dir ist vermutlich aufgefallen, dass ich im Artikel bisher zwischen Beruf und Arbeit unterschieden oder beide zumindest separat genannt habe. Aus meiner Sicht sind die beiden Begriffe – auch wenn sie oft synonym verwendet werden – durchaus verschieden.

Dein Beruf ist in der Regel die Profession, die Du erlernt oder studiert hast und die Du aus verschiedensten Gründen nach Ausbildung und Studium ergreifen wolltest.

Deine Arbeit besteht dagegen aus Deiner konkreten Tätigkeit bei Deinem aktuellen Arbeitgeber. Diese kann, muss aber nicht mit Deinem Beruf zu tun haben.

Beide Begriffe und Bereiche haben in unserer heutigen Gesellschaft meist mit Deinem Lebensunterhalt zu tun. Dadurch kommt ihnen eine enorme Bedeutung zu – und kann sie zu Druck werden lassen.

Berufung vs. Beruf: Verwandt doch nicht verschwägert

Schon die Struktur der beiden Worte Beruf und Berufung legt eine gewisse Verwandtschaft der beiden Begriffe nahe. Doch im Gegensatz zum bereits erwähnten Beruf bedeutet Berufung etwas anderes:


Deine Berufung ist eine Tätigkeit, die Dich erfüllt, für die Du leidenschaftlich brennst und der Du voller Begeisterung und Überzeugung nachgehst. Sie ist für Dich mit einem tiefen Sinn verbunden, für den Du einstehst und für den Du Dich engagierst.

Berufung hat also sehr viel mit Sinn, Leidenschaft und Prioritäten zu tun. Die oft propagierte Idealvorstellung besagt, dass Dein Beruf – genauer gesagt: Deine Arbeit – und Deine Berufung zusammenpassen oder sogar deckungsgleich sein sollten.

Ein solcher Arbeitsplatz wird in der Regel als Traumjob bezeichnet. Und damit als absolut erstrebenswert dargestellt. Doch genau hier widerspreche ich.


Berufung muss mit Beruf und (bezahlter) Arbeit nichts zu tun haben! Die Verknüpfung kann sogar
schädlich und problematisch sein!

Berufung im Beruf: Vielleicht fatal

Ich gebe gerne zu, dass ich bis vor ein oder zwei Jahren auch davon überzeugt war, dass ein Beruf, der mit der individuellen Berufung kompatibel ist, die ideale Situation darstellt. Doch meine Coachees haben mich eines Besseren belehrt.

Als eines von vielen Beispielen nehme ich hier Julia B. Sie begann das Coaching mit einer Aussage, die mich nachhaltig irritierte:


Mein Beruf und meine Arbeit sind für mich auch Berufung. Genau das will ich ändern, ich halte es nicht mehr aus!

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie bereits fünf Jahre in ihrem Beruf und an ihrem Arbeitsplatz. Was zunächst wie der Traumjob aussah, wurde zum Problem. Denn im Lauf der Zeit verknüpfte Julia B. ihre Berufung mit ihrem Beruf und ihrer Erwerbsarbeit.

Klingt toll, war jedoch fatal. Denn dadurch wurde die Berufung auch mit einem gewissen Zwang verbunden. Ihr Chef und ihr Arbeitgeber übten zwar keinerlei Druck aus und waren sehr zufrieden. Doch Julia B. hatte immer mehr das Gefühl, ihrer Berufung nicht frei folgen zu können.

Ihr Beispiel mag seltsam klingen, doch seit Julia B. hatte ich noch mehrere Coachees, denen es ähnlich erging. Beruf und Berufung müssen keine gute Kombination sein.

Was bedeutet Dein Beruf für Dich?

Julia B. – und zahlreiche weitere Coachees – stehen natürlich nicht für alle Menschen. Sicher gibt es viele Arbeitnehmer – ich kenne persönlich mehrere – für die Berufung und Beruf zusammen gehören und die das auch so wollen.

Doch diese Unterschiede unterstreichen meinen Punkt: Es kommt darauf an, was Dir Dein Beruf bedeutet und ob Du Deine Berufung damit verknüpfen willst. Doch wenn Du Deine Berufung außerhalb Deines Jobs leben willst und mit einem Arbeitsplatz und Beruf zufrieden bist, der Dein Einkommen sichert, ist das ebenfalls völlig okay.

Dein Beruf muss Dir keinen Spaß machen und nichts mit Deiner Berufung zu tun haben. Lass Dir keine Vorgaben einreden, nur weil es gerade gesellschaftlich akzeptiert und anerkannt ist. Du allein entscheidest, welches Verhältnis von Beruf und Berufung für Dich passt.

Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei, dieses Verhältnis für Dich zu finden.

3 Comments

  • Mirko Finck sagt:

    Hallo,

    ich bin durch Zufall auf diesen Artikel gestoßen.
    Ich sitze grade an einer Hausarbeit zum Thema „Motivation von Mitarbeitern von Führungskräfte“ und suche nach Quellen, die dem Thema Motivation am Arbeitsplatz kritisch gegenüber stehen. Ich weiß, dass der Artikel nicht direkt um Motivation geht, trotzdem verstehe ich es so, dass Arbeit und Privatleben getrennt werden müssen und der Spaß ( der ja motivierend wirkt) auf der Arbeit ehr weniger was zu suchen hat.
    In dem Beispiel (Julia B.) sprechen Sie (bewusst oder unbewusst) den Korrumpierungseffekt (Lepper, Greene & Nisbett, 1973) an.
    Gibt es noch andern Theorien, auf die Sie Ihre Meinung stützen?
    Bzw. kennen Sie noch andere Quellen, die Ihren Standpunkt vertreten?

    Vielen Dank im Voraus.

    Mirko Finck

    • Hallo Herr Finck,

      Die Literaturtipps am Ende des folgenden Artikels finde ich lesenswert: http://verhalten.wordpress.com/2013/05/02/der-korrumpierungseffekt-ein-mythos-und-ein-phantom/ Diese widersprechen zwar dem Korrumpierungseffekt, doch diesen würde ich auch nicht – zumindest nicht in Reinform – als Grundlage meiner Argumentation nutzen und sehen. Eine lesenswerte Kritik dazu: http://www.verhalten.org/grundlagen/intrinsisch.html Auch dieses Buch enthält einige gute Passagen.

      Sonst sind auch einige Studien, die scheinbar den Zusammenhang zwischen Arbeit und Motivation belegen, lesenswert. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich dort immer, dass es gar keinen kausalen Zusammenhang gibt.

      Ansonsten beziehe ich mich auf meine Praxiserfahrung aus der Arbeit mit Coachees, Studenten, Fach- und Führungskräften, in der ich immer wieder erlebe, dass Arbeit nicht zwingend Spaß machen muss, um ein wichtiger Baustein der gesamten Lebenskarriere zu sein.

      Bei weiteren Fragen können Sie mich auch gerne direkt per Mail kontaktieren.

      Gruß,
      Christian Müller

  • Froggy sagt:

    Ich erhielt meine „Traum-Aufgabe“ in meinem Betrieb. Ich brannte wahrhaftig für dieses Projekt, es war der Höhepunkt meines beruflichen Schaffens und ich gab fünf Wochen lang alles für das Gelingen des Auftrags. Nach fünf Wochen hatte ich es dann wirklich und tatsächlich geschafft! Aber ich fühlte mich seltsam erschöpft und überreizt. Ich konnte das Projekt nicht mehr sehen und schrak bei jedem E-Mail von dieser Abteilung zusammen.
    Nächsten Morgen hatte ich einen Termin beim Coiffeur. Schon beim Hinweg merkte ich, dass es mir nicht hundertprozentig gutging. Beim Coiffeur hatte musste ich mich dann wirklich zusammennehmen, dass ich nicht vom Stuhl kippte. Auch das Personal merkte, dass es mir nicht gutging. Ich hatte mich fünf Wochen lang völlig aufgerieben und erschöpft für dieses Projekt, das mir doch solchen Spass machte, für das ich brannte. Gut, dass ich zu meinen Routinearbeiten zurückkehren konnte, auch wenn diese nicht so viel Spass machen.
    Wenn ich eine Arbeit hätte, die ich mit Leidenschaft ausführe, für die ich brenne – ich glaube, das würde ich gar nicht lange aushalten…

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